11.05.2022

Von Besessenheit und Smombies

Kolumne Absatzwirtschaft

Unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand: Ist es das, was meine Beziehung zum Smartphone beschreibt? Die Frage macht mich nachdenklich, als ich in einer Ticketkontrolle beim reflexhaften Griff zum Handgerät ins Leere angele. Mein Herzschlag verrät Panik. Bemerkenswert ist, dass mich nicht der Kontrolleur beunruhigt, der vor mir ungeduldig schnaubt, sondern ein Gefühl von schutzloser Auslieferung gegenüber allen Widrigkeiten des Alltags ohne digitales Navigationsgerät. Das Schweizer Taschenmesser unserer Zeit lässt mich erfolgreicher im Leben bestehen, so scheint es. Treibt uns die Angst vor sozialer Isolation ohne Verbindung zu unseren WhatsApp-Freunden? Ich denke schaudernd an einen jungen Mann im Bekanntenkreis, der vor zwei Jahren wegen eines Selfies für seine Peergroup auf das Dach eines Güterzuges kletterte und tödlich verunglückte. Erinnere mich an die Zeitungsmeldung aus 2019 von einer Frau, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um ihr Telefon aus der Donau zu retten. So gut kann ich gar nicht tauchen, dass ich Gefahr laufen würde, zur Nachahmerin zu werden.

Aber im Ernst, für mich ist es nicht das Gerät, dem ich in Treue ergeben bin, sondern die Inhalte, die Messenger-Dienste, E-Mail-Postfächer und News-Feeds. Finden Sie es nicht auch erstaunlich, welch stimulierende Wirkung allein die Farbe des Doppelhakens an einer WhatsApp-Nachricht auf unser Gehirn haben kann? Dahinter steht vermutlich die „fear of missing out“ (FOMO), die Angst, etwas zu verpassen. Im Netz stoße ich auf wissenschaftliche Untersuchungen zu FOMO bei Smartphones. Siehe da, die Experten warnen vor Smartphone-Zombies, sogenannten Smombies. Erkennbar sei diese Spezies am gesenkten Kopf im Straßenverkehr zugunsten virtueller sozialer Interaktion. Ich fühle mich als Smombie entlarvt, da ich googelnd auf dem Bahnsteig unterwegs bin, als mich die Erkenntnis trifft. Kichernd packe ich das Smartphone ein und achte mindestens fünf Minuten lang intensiv auf meine Umwelt.