Wer in der Möbelindustrie arbeitet, weiß, wie wichtig die eigene Handschrift ist. Zwei Unternehmen können mit denselben Materialien arbeiten, auf vergleichbare Maschinen setzen oder dieselben Märkte bedienen und trotzdem völlig unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Unterschiede sind vermutlich das Ergebnis vieler kleiner und großer Entscheidungen: Welche Produkte entwickeln wir? Wie reagieren wir auf Kundenwünsche? Wo investieren wir? Welche Aufträge nehmen wir an und welche vielleicht bewusst nicht?
Künstliche Intelligenz verspricht, genau solche Entscheidungen besser zu machen. Sie analysiert Datenmengen, die kein Mensch mehr überblicken kann, erkennt Muster und entwickelt Handlungsempfehlungen in krasser Geschwindigkeit. Gerade in einer Branche, die mit Fachkräftemangel, Kostendruck und volatilen Märkten umgehen muss, ist die Versuchung groß, sich auf diese Unterstützung zu verlassen. Schließlich wäre es fahrlässig, hilfreiche Werkzeuge nicht zu nutzen.
Vor einigen Tagen habe ich einen Artikel gelesen, der mich länger beschäftigt hat als die üblichen Zukunftsprognosen rund um KI. Darin wurde ein Risiko beschrieben, das erstmal erstaunlich unspektakulär klingt: Was passiert, wenn immer mehr Unternehmen ihre Entscheidungen an ähnliche intelligente Systeme delegieren? Die Autoren sprechen von einer „Agentic Convergence Trap“. Gemeint ist die Beobachtung, dass autonome KI-Systeme dazu neigen, unabhängig voneinander zu vergleichbaren Ergebnissen zu gelangen. Nicht weil sie miteinander kommunizieren oder sich abstimmen, sondern weil sie auf ähnliche Daten zugreifen, dieselben Kennzahlen optimieren und aus denselben Marktmechanismen lernen. Genau diese Gefahr beschreiben die Autoren: Differenzierung, Wettbewerbsvorteile und strategische Vielfalt können verloren gehen, wenn viele Unternehmen ähnliche KI-Modelle mit denselben Daten und Zielgrößen einsetzen.
Ähnliches Bild in anderen Branchen
Die Beispiele stammen aus unterschiedlichen Branchen. Hotelketten erhöhten ihre Preise nahezu zeitgleich, nachdem sie vergleichbare Preisalgorithmen eingesetzt hatten. Vermieter nutzten KI-gestützte Systeme, die zu parallelen Mietsteigerungen führten. Eine Supermarktkette stellte ihre Promotionsplanung um und stellte nach einiger Zeit fest, dass ihre Aktionen denen des Marktführers immer ähnlicher wurden. Die Systeme hatten einfach gelernt, was unter den gegebenen Bedingungen als besonders erfolgreich galt.
Mich hat daran weniger die Technologie irritiert als die Konsequenz für unternehmerisches Handeln. Denn wenn alle die gleichen Daten nutzen und dieselben Ziele verfolgen, dann wird auch das Ergebnis immer ähnlicher. Die Eigenständigkeit, die Unternehmen über Jahre aufgebaut haben, gerät dadurch unter Druck.
Für die Möbelbranche ist das keine theoretische Diskussion. KI unterstützt ja schon heute bei Absatzprognosen, Produktionsplanung, Einkaufsentscheidungen oder im Kundenservice. Das schafft Effizienz und kann die Qualität von Entscheidungen verbessern. Für mich stellt sich die Frage, woran Kunden künftig noch erkennen, wofür ein Unternehmen eigentlich steht, wenn immer mehr Entscheidungen nach identischen Logiken getroffen werden.
Nichts schlägt Erfahrung
Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen liegt viel Wissen nicht in Datenbanken, sondern in Erfahrung. In der Einschätzung eines Vertriebsleiters, der spürt, welcher Kunde gerade mehr Beratung braucht. In der Produktionsplanung, die weiß, wann ein scheinbar kleiner Sonderwunsch später große Wirkung hat. Oder im Einkauf, der eine langjährige Lieferantenbeziehung nicht nur nach Preis und Lieferzeit bewertet. Dieses Wissen ist oft schwer messbar, aber es prägt die Qualität eines Unternehmens.
Vielleicht waren manche Dinge, die wir lange als störend empfunden haben, gar nicht nur Nachteile. Unterschiedliche Erfahrungen im Team. Intuition. Der Mut, gegen eine Empfehlung zu entscheiden. Die Bereitschaft, einem langjährigen Kunden entgegenzukommen, obwohl die Zahlen etwas anderes nahelegen. Menschen sind nicht immer effizient. Sie sind manchmal langsam, widersprüchlich und manchmal erstaunlich unvernünftig. Und aus diesen „Ineffizienzen“ entstehen oft Ideen, Beziehungen und Entscheidungen, die sich nicht kopieren lassen.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob wir künstliche Intelligenz einsetzen sollten. Sie wird Teil unseres Arbeitsalltags bleiben und bietet enormes Potenzial. Entscheidend ist vielmehr, welche Entscheidungen wir ihr überlassen wollen und an welchen Stellen wir bewusst unsere eigene Haltung bewahren. Wettbewerb entsteht ja nicht dadurch, dass alle alles richtig machen. Er entsteht dort, wo Unternehmen den Mut haben, anders zu sein. Vielleicht wird genau das zu einer der wichtigsten Führungsaufgaben der kommenden Jahre: sich von KI unterstützen zu lassen, ohne sich von ihr die eigene Handschrift nehmen zu lassen.