26.06.2026

VERTRAUEN IN KI: ZWEIFEL AN UNS SELBST – EINE KOLUMNE VON VERENA FINK FÜR DAS DUP UNTERNEHMER MAGAZIN

Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, Unsicherheit wird zum Dauerzustand. In genau diesem Umfeld greifen viele Unternehmen verstärkt auf Künstliche Intelligenz zurück in der Hoffnung auf Orientierung, wo klassische Erfahrungswerte an ihre Grenzen stoßen.

Doch in einer aktuellen Studie von Sarah Baldeo im Journal der American Psychological Association fand ich ein überraschendes Paradox: Wer KI-Systemen stark vertraut, entwickelt häufiger Selbstzweifel. Die Untersuchung belegt, dass die Nutzung von KI-Entscheidungshilfen nicht nur Verhalten verändert, sondern auch die Selbstwahrnehmung. Versuchspersonen, die mit KI-Unterstützung arbeiteten, haben ihre eigene Leistung im Nachgang systematisch kritischer bewertet – selbst dann, wenn ihre Ergebnisse korrekt waren. Gleichzeitig stieg ihre Bereitschaft, sich bei zukünftigen Aufgaben stärker auf die KI zu verlassen.

Die Forschenden sprechen von einem psychologischen Verschiebungseffekt: Mit wachsender Abhängigkeit von algorithmischen Empfehlungen sinkt das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit. Bemerkenswert finde ich dabei, dass dieser Effekt unabhängig von der tatsächlichen Qualität der KI auftritt. Entscheidend ist also nicht, ob die KI „besser“ entscheidet, sondern wie stark wir sie als Referenz wahrnehmen. Genau hier liegt das Problem für Führung: Wenn KI nicht als Werkzeug, sondern als implizite Autorität genutzt wird, verändert sich die Logik von Entscheidungen. Aus einer Unterstützung wird ein Maßstab und aus unternehmerischem Urteil eine nachgelagerte Validierung.

Gerade in Zeiten von Unsicherheit halte ich das für riskant. Denn unternehmerischer Erfolg entsteht nicht durch die Delegation von Verantwortung, sondern durch die Fähigkeit, Ambiguität auszuhalten und dabei handlungsfähig zu bleiben. KI kann Muster sichtbar machen, Optionen erweitern und kognitive Verzerrungen reduzieren. Sie kann aber weder Kontext vollständig erfassen noch Verantwortung übernehmen – und sie kann kein Vertrauen in die eigene Urteilskraft ersetzen.

Wer KI nutzt, ohne die eigene Urteilskraft weiterzuentwickeln, riskiert schleichenden Orientierungsverlust. Unternehmen, die auch unter Druck wachsen, zeichnen sich daher nicht dadurch aus, dass sie KI schneller implementieren als andere. Sie schaffen gezielt Reflexionsschleifen, gerade dort, wo algorithmische Empfehlungen besonders plausibel erscheinen. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie Entscheidungsprozesse klar strukturieren, Verantwortlichkeiten eindeutig halten und KI als Sparringspartner nutzen – nicht als Ersatz für Denken.

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